Unterschwelliger “Charakter”-Wahlkampf in Thüringen nach Unfall von Dieter Althaus

Als Edward Kennedy vor einigen Tagen verstarb, wurde in den Nachrufen an ein Ereignis erinnert, das den jüngsten Bruder John F. Kennedys in seinem politischen Leben immer wieder verfolgte. Ein folgenschwerer Unfall dürfte einer der Gründe für das Scheitern seiner innerparteilichen Kandidatur gegen Jimmy Carter als Präsidentschaftskandidat der Demokraten gewesen sein: Edward Kennedy hatte 1969 beim sogenannten ”Chappaquiddick-Incident” bei einem Ausflug auf der Insel Chappaquiddick spätabends die Kontrolle über seinen Wagen verloren und war von einer Brücke in einen Gezeitenkanal gestürzt. Er selbst konnte sich unverletzt aus dem Wagen retten, seine Beifahrerin, eine 29-jährige Mitarbeiterin, ertrank in den Fluten. Direkt vergleichbar mit dem Ski-Unfall von Dieter Althaus ist dieser Vorfall bei der genauen Betrachtung der Ereignisse nicht. Denn Kennedy hatte sich vom Unfallort entfernt und erst zehn Stunden später die Polizei verständigt. Althaus dagegen hatte selbst schwerste Verletzungen erfahren und war nachweislich nicht alkoholisiert. Vor allem Letzteres, die Frage nach dem Alkohol, stand bei den Erklärungen von Edward Kennedy immer im Raume, auch nach einem gerichtlichen Schuldspruch und Schmerzensgeldzahlungen. Hatte er sich bewusst der Polizei bis zum nächsten Morgen entzogen? Die Spekulationen darüber nährten Zweifel am “Charakter” des damals noch jungen Politikers - und “Charakter”-Fragen spielen besonders in US-Wahlkämpfen mit ihrem auf Persönlichkeiten zugeschnittenen politischen System eine besondere Rolle.

Bei diesem von uns Europäern wenig verstandenem US-Ritual spielt die objektive oder auch nur subjektive “Verfehlung” eine weit geringere Rolle als der persönliche Umgang eines Kandidaten damit und wie er seine Leuterung oder Verantwortung kommuniziert. An dieser Frage ergibt sich jedoch eine Parallelität zwischen dem Landtagswahlkampf in Thüringen und “Charakter”-Debatten im Vorfeld von Wahlen in den USA. Dieter Althaus war nach Abschluss des Gerichtsverfahrens mit seinem Schuldeingeständnis für einen Regelverstoß mit Todesfolge, der in ähnlichen Fällen im deutschen Straßenverkehr jährlich wahrscheinlich hunderte Male vorkommt, objektiv nur schwer angreifbar. Mit seiner Rückkehr und deren aktiven Kommunikation setzte jedoch ein unterschwelliger “Charakter”-Wahlkampf in Thüringen ein, der seiner Partei hier ähnlich hohe Verluste bescheren sollte wie der “Lafontaine-Effekt” im Saarland.

Was war geschehen? Noch bevor sich Dieter Althaus in Thüringen Landtag und Medien gestellt hatte, war eine “Homestory” vom Kurort in einem großen Boulevardmedium veröffentlicht worden. Solche Artikel sind unfraglich kommunikativ gut geeignet, Politiker und Prominente aus der Gesellschaft “persönlicher” vorzustellen. Das gerne geübte große Naserümpfen über den Boulevard ist hier deshalb weniger der kritische Ansatzpunkt, als der fortan immer wieder erhobene Vorwurf der “Inszenierung”, der sich an den Auftritten in diesen Medien entzündete. Die Tatsache, dass sich Persönlichkeiten in diesem Genre in einem freundlicheren Licht darstellen können, ist nicht nur Handwerksregel der Kommunikationsexperten in Medien, Parteien und Beratungsgesellschaften, sie ist selbstverständlich längst der Mehrheit der Wähler geläufig. Gerade vor Wahlen steigt deren Sensibilität gegenüber “Inszenierungen” generell und speziell in Boulevardzeitungen. Auch Fehler und Falscheinschätzungen in den Parteizentralen werden durch die Wähler häufig ein höheres Gewicht eingeräumt als durch den jeweiligen politischen Gegner - was diesen trotzdem nicht daran hindert, in einer Gegen-”Inszenierung” im Wahlkampf genau dies zu unterstellen und so Zweifel der Wähler noch zu verstärken.

Nach der missglückten Kommunikation der Rückkehr vermittelte sich in den letzten Monaten der Eindruck, als würde die persönliche Verarbeitung des Skiunfalls durch Dieter Althaus vor allem über Boulevardmedien stattfinden. Zumindest wurden dort die - nicht einmal negativen - Veränderungen in seinem eigenen Umgang mit dem fatalen Ereignis bundesweit kommuniziert. Spätestens nach den durch das letzte Interview mit der “Bild am Sonntag” ausgelösten öffentlichen Kritik des Anwalts der Opferfamilie, musste die Thüringer Opposition keine weiteren direkten oder indirekten “Charakter”-Angriffe mehr starten …

“Jeder, der vom Rathaus kommt, ist schlauer als vorher”, das ist auch in diesem Fall unzweifelhaft so. Sicher ist zudem, dass Dieter Althaus zu keinem Zeitpunkt den Fragen nach dem Unfall und seiner Verantwortung hätte ausweichen können. Dafür waren die Ereignisse zu nah und er selbst durch sie bis heute (zu?) deutlich verändert. Es ist außerdem  eine häufige Fehleinschätzung, Interviews könnten durch Politiker oder ihre Berater so eng gesteuert oder “geführt” werden, dass sich Journalisten dabei nur als Stichwortgeber benutzen ließen. Das wird auch bei den offensichtlich wohlwollenden Redakteuren der “Bild am Sonntag” kaum der Fall gewesen sein. Am Ende werden sie um das zentrale Bekenntnis, dass Dieter Althaus am Grab der Toten gebetet hat, vielleicht sogar bei der Interview-Autorisierung gekämpft haben. Dieser und andere ”agenturfähige” Sätze, die bundesweit über Ticker verbreitet wurden, haben zudem bei Thüringer Medien zu einer wachsenden Kritik an der Kommunikation des Ministerpräsidenten geführt: es ist nicht nur relevant, mit wem man Interviews führt, sondern wen man bei der Vermittlung zentraler Aussagen übergeht.  

Es gehört zu den Gnadenlosigkeiten unserer Mediengesellschaft, dass von einer öffentlichen Person, die zur Wiederwahl steht, in solchen Fällen persönlichste Bekenntnisse erwartet werden. Man kann Dieter Althaus jede seiner Aussagen “abnehmen” und glauben … der Zweifel daran wurde durch ”Inszenierung” und Gegen-”Inszenierung” genährt. Wenn Dieter Althaus nach dem tragischen Unfall und diesem Wahlkampf wieder Ministerpräsident Thüringens wird, könnten gerade diese Erfahrungen für ihn und seine Aufgabe einen “Wert” darstellen. Sein möglicher Koalitionspartner ist damit im Übrigen nicht überspitzt umgegangen.

Edward Kennedy mit seiner schwerwiegenderen Verantwortung blieb noch 40 Jahre, immer wieder direkt gewählter, Senator seines Bundesstaats Massachusetts in Washington …

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