Unverblümtes Eigeninteresse

Die SPD ist konsterniert: das Willy-Brandt-Haus wusste, dass die Europawahl eine schwere Prüfung werden würde, aber ein derart desaströses Ergebnis von kaum mehr als jeder fünften abgegebenen Stimme hatte niemand vorhergesehen. Bei rund 40 Prozent Wahlbeteiligung bedeutet es: die SPD erreicht nur noch jeden zehnten Wähler - oder sogar weniger! Warum ist das so, lautet die in der SPD die große Frage. Alle wichtigen Themen mit gefälligen Positionen besetzt. Jobs und Sicherheit, selbst Umweltschutz und Auswärtiges ist in der SPD gut vertreteten. Und trotzdem eine solche “Klatsche”, wie es der in der Sozialdemokratie bekannte Mittelstürmer “Acker” in der Fußballer-Sprache ausdrücken würde. Die Antwort ist einfach. Und Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier könnte sie kennen! Lässt er sich doch von Profis beraten, die auch US-Präsident Obama den Weg ins Weiße Haus eben halfen. Profis wie Drew Westen, dessen Politik-Bestseller “The Political Brain” vor allem eine Hauptursache für politische Entscheidungen klar und überzeugend herausgearbeitet hat: Emotion.
Gefühle, so Westen, der sich Anfang Mai auf Einladung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin aufgehalten hat, bilden das A und O für Entscheidungen. Das im Unbewussten angesiedelte Emotionale ist die Haupttriebfeder für menschliche Entscheidungen - in der Partnerwahl genau wie in der Politik. Rationale, “aufgeklärte” Argumente sind an menschlichen Entscheidungen nur zu einem halben Prozent beteiligt! Der Rest wird auf der emotionalen Ebene bestimmt. Und zwar in Bruchteilen von Sekunden, so schnell wie kein Großhirn “denken”, also rationale Argumente sortieren und abwägen kann.
Diese Tatsache ist es, die die Menschen instinktiv eher zur Kanzlerin (und dem CDU-Kreuz auf dem Wahlzettel) tendieren lässt, selbst wenn sie das Programm und/oder (andere) führende Personen der Union ablehnen sollten. Die Menschen fühlen sich bei Angela Merkel bestens Aufgehoben. Neben fachlicher Kompetenz und Unabhängigkeit spielt dabei auch die Prinzipienfestigkeit und “Uneigennützigkeit” der Kanzlerin eine entscheidende Rolle.
Hier liegt eine Achilles-Ferse der SPD und Steinmeiers, wie die Schluss-Sequenz der Sendung “Anne Will” am Wahlsonntag dokumentierte: Steinmeier, der im Verlauf der Sendung souverän und sympathisch wirkte, machte diesen Eindruck mit einem einzigen Halbsatz zunichte: im Gespräch mit einem Langzeitarbeitslosen aus Bad Doberan war Steinmeier noch mehr als am Schicksal des Mannes daran interessiert, dass Anne Will - stellvertretend für die Medien - die Bemühungen zur Hilfe (Steinmeier: “Ich habe da so ein, zwei Ideen”) auch durch adäquate Berichterstattung zu begleiten. In dem Moment hat jeder Zuschauer instinktiv gespürt, dass Steinmeier zuerst auf sein eigenes Wohl (den nur durch gute Presse zu erzielenden Wahlerfolg) bedacht war, anstatt darauf, dem Mann zu helfen -was in einem Einzelfall für einen Spitzenpolitiker wie Steinmeier ohnehin kein Problem gewesen wäre und sich sogar besser ohne mediale Begleitung leicht hätte bewerkstelligen lassen.
Die SPD wird es schwer haben am 27. September, wenn dieser Eindruck weiter bestehen bleibt.

Von meinem iPhone gesendet Bitte Tippfehlrr zu entschuldihen :-)

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