The Good, the Bad, and the Ugly

Der Spiegel hat in seiner neuesten Ausgabe Nr. 7/2007 ein neues Stück über die Lobbyistenrepublik Deutschland gemacht (Zigaretten: Deutscher Dunst, S. 68 ff.). Es konnte auch kaum ausbleiben nach den Meldungen der letzten Tage zum Thema “Passivrauch/Nichtraucherschutz”. Nachdem aus einer Sitzung von ca. 60 Referenten aus den Ministerien für Gesundheit, Verbaucherschutz und Wirtschaft der Länder am 5.2.07 in Hannover die Meldung einer Einigung über ein einheitliches Gesetz lanciert wurde und verschiedene Ministerpräsidenten diesem Sachverhalt widersprochen hatten, lag etwas in der Luft. Etwas, das dem Widerstand gegen ein Umfassendes Rauchverbot in öffentlichen Räumen und in Gaststätten den moralischen Boden unter den Füßen entziehen würde.

Da seriöse Recherche mindestens einen Grund für die Empörung benötigte, lieferte auch der Spiegel das inzwischen weit verbeitete Argument, jährlich stürben 3.300 Menschen an Passivrauch. Ende der Debatte. Fall ist klar. Auf sie mit Gebrüll!

Schade nur, dass sich das Stück weiter in den Schwarzweiß-Mustern der Vergangenheit bewegt. Es erzeugt mit wunderbaren Worten das Bild von wenigen Vorkämpfern für die gute Sache (Lothar Binding MdB und Dr. Martina Pötschke-Langer, DKFZ) in einem aussichtslosen Kampf gegen das Böse in Gestalt der Tabak-Industrie. Die Rolle des Häßlichen übernehmen die Politiker (fast alle außer Herrn Binding), die sich winden und immer neue Winkelzüge erfinden müssen, um doch noch einen Weg am eigentlich unausweichlichen (i.e. Rauchverbot) vorbei zu finden. Wie passend, dass der Spiegel an der Stelle sogar noch den kolportierten Zynismus von Innenminister Schäuble einbauen kann (”Blauhelme einsetzen für die Durchsetzung des Rauchverbotes”). Wie schön einfach ist doch die Welt. Im Spiegel. Oder?

Tja. Man wundert sich. Etwas Recherche der Hintegründe wäre doch wohl angebracht gewesen für das Flagschiff des deutschen investigativen Journalismus. Aber vielleicht wäre dann ein Weltbild zusammengebrochen und ein Feindbild abhanden gekommen (nicht das der Tabaklobby, sonder jenes der häßlichen Politiker ;-)).
Hier ist weniger die Rede von Zweifeln, die immerhin so ernst waren, dass die ZEIT im Dezember 2005 schon unmittelbar nach Publikation der im Spiegel erneut als Kronzeugenbeweis präsentierten DKFZ-Studie kritische Fragen gestellt hat, die bis heute kaum beantwortet wurden.

Nein. Bemerkenswerter ist vor allem aus Sicht einer lobbykritischen Betrachtung die unterlassene Recherche zu Hintergünden der Kampagne für das Passivrauchen. Obwohl in den USA bereits seit langem kontrovers darüber diskutiert wird, wie glaubhaft Kampagnen gegen BIG T (Tabak) sind, wenn sie Mittel von BIG P (Pharma) erhalten (Link 1) (Link 2), findet sich beim Spiegel kein Wort über Hintergründe der Kampagne in Deutschland. Warum? Es würde die Anstrengungen von Nichtraucherschützern unter Umständen noch glaubwürdiger machen, wenn sie offen legten, wer ihren Kampf finanziert und wie ihre Verbindungen zu anderen Lobbygruppen sind.

Vielleicht sind einigen Ministerpräsidenten diese Zweifel sogar gekommen und sie weigern sich deshalb, dem Druck gegen ein totales Rauchverbot nachzugeben.

Wenn Passivrauch tatsächlich so schädlich ist wie behauptet wird (die in der ZEIT aufgeworfenen Zweifel wären zunächst zu beantworten), müsste das Produkt selbst wegen Gemeingefährlichkeit ganz verboten werden. Solage es jedoch legal verkauft und konsumiert werden darf, scheint ein totales Verbot unverhältnismäßig. Wer Passivrauch meiden möchte, egal ob er gesundheitliche Gefahren fürchtet oder Qualm lästig findet, dem sollte dies möglich sein. Eine Verpflichtung für Gastronomen, das Rauchen in ihren Betrieben zu erlauben, darf es nicht geben (sie wird auch nicht gefordert). Aber auch keine umgekehrte Pflicht zur Rauchfreiheit: Wer in seinem Lokal Raucher bewirten möchte, soll dies dürfen. Alles andere regelt der Markt durch Angebot und Nachfrage. Gut demokratisch!

N.B.: Der Autor ist Nichtraucher und hat früher selbst für die Tabakwirtschaft gearbeitet.

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